Die automatisierte Bremsprüfung an Güterwagen

Wettbewerbsfähig zu sein, heißt innovationsfähig zu sein. Es reicht nicht aus, dass ein Unternehmen sein Kerngeschäft beherrscht, wenn es nicht gleichzeitig die Weiterentwicklung und Optimierung seiner Arbeitsprozesse und -werkzeuge anstrebt.
Verfügbarkeit und Betriebssicherheit von Schienenfahrzeugen zu gewährleisten, gehört zu den Kernaufgaben der für die Instandhaltung verantwortlichen Stelle (ECM - Entity in Charge of Maintenance). Das Berliner Unternehmen waggonservice GmbH (WSG) hat sich seit 2014 als ECM auf Dienstleistungen für Güterwagen spezialisiert. Die WSG verfügt über ein zertifiziertes Instandhaltungssystem gemäß (EU) Nr. 455/2011.
Das umfasst alle Managementfunktionen, die Planung und Dokumentation der Instandhaltung, die Risikobewertung, bis hin zur Wiederinbetriebnahme der Fahrzeuge. Weil sich das Unternehmen seiner hohen Verantwortung für einen reibungslosen Zugbetrieb bewusst ist, setzt es auf Innovationen.

Sicherheit fängt bei der Bremse an

Kaum ein Bestandteil eines Wagens ist so stark beansprucht und gleichzeitig so sicherheitsrelevant wie die Bremse. Nach Störungen der Bremse sowie nach erfolgter Instandsetzung ist die ordnungsgemäße Funktion der Bremse gemäß der jeweiligen Vorschrift zu prüfen.

Die Prüfung der Fahrzeuge nach Bremsstörungen und die Instandsetzung von Bremsen erfolgt häufig außerhalb von Werkstätten. Die dafür zur Verfügung stehenden Bremsprüfgeräte sind jedoch dafür nur bedingt geeignet.
Ein Instandhalter, der Bremsprüfungen vor Ort an Güterwagen durchführt, kann leicht auf Vorzüge wie zum Beispiel einen integrierten Drucker verzichten, die bei Bremsprüfungen in der Werkstatt nützlich sein können. Außerdem benötigt ein Instandhalter kein Bremsprüfgerät, das sämtliche Funktionen bietet wie zum Beispiel den Datenanschluss für die Lokomotive.
Für einen Instandhalter, der im Feld agiert, stellt es hingegen einen Vorzug dar, wenn das Bremsprüfgerät leicht genug ist, um es eigenhändig aus dem Laderaum zu heben, oder wenn das Bremsprüfgerät kompakt genug ist, um es am Güterwagen über Kabel und Gleise hinweg zu manövrieren. Ein solches Bremsprüfgerät, das die zuvor genannten Eigenschaften – leicht und kompakt zu sein - vereint, war kaum zu bekommen und so hat die WSG beschlossen, selbst eines zu entwickeln und herzustellen.

1. Analoges Bremsprüfgerät

Die Entwicklung des analogen Bremsprüfgeräts konnte 2018 erfolgreich abgeschlossen werden. Mit seinen dreißig Kilogramm ist es ein relatives Leichtgewicht. Offensichtlich ist das für die Kollegen, die tagtäglich Bremsprüfungen vor Ort durchführen, eine große Entlastung.
In jedem Fall überzeugen auch die Maße: Mit 55 cm Länge, 50 cm Breite und 120 cm Höhe ist es tatsächlich kompakt und passt perfekt ins Einsatzfahrzeug. Für die Bremszylinderdruck- und Wiegeventildruck (T-Druck)-Messung ist kein externes Gerät mehr nötig. Alle Manometer sind direkt im Bremsprüfgerät eingebaut.
Das analoge Bremsprüfgerät der WSG ist auf dem Markt und hat sich in den letzten drei Jahren in der Praxis bewährt. Es ist als Erfolg anzusehen, dass es inzwischen bei vielen Kunden im Einsatz ist.

2. Digitales Bremsprüfgerät

Eine Weiterentwicklung des analogen Bremsprüfgerätes stößt an ihre Grenzen. Die immer anspruchsvolleren Anforderungen an Bremsprüfgeräte stellen die Weichen für Weiterentwicklungen: Ein zukunftsfähiges Bremsprüfgerät kann nur digital sein.

Ein solches Projekt erfordert mehrere Teilschritte, die es lohnt, einzeln zu betrachten. Denn jeder einzelne Schritt stellt bereits eine signifikante Verbesserung dar.

Das digitale Bremsprüfgerät in seinen Entwicklungsphasen

Erster Schritt: Entwicklung eines Prototyps

Im Herbst 2017 hat die WSG begonnen ein digitales Bremsprüfgerät zu entwickeln. Das Ziel war es, die Mobilität noch einmal deutlich gegenüber dem analogen Vorgängermodell zu steigern. Folglich mussten die Maße und das Gewicht verringert werden, wobei mindestens dieselben Funktionen erhalten bleiben sollten. Es ergibt sich schon bei gleichem Funktionsumfang der Vorteil, dass Ablesefehler dank der digitalen Anzeige ausgeschlossen sind. Neben dem technischen Aspekt punktet das Bremsprüfgerät auch durch sein innovatives Design. Auf der Innotrans 2018 konnte sich das Fachpublikum bereits ein Bild vom fertiggestellten Prototyp machen.

Die WSG ist dabei nicht stehen geblieben und hat das Feedback ihrer Kunden in die weitere Entwicklung des Gerätes mit einfließen lassen.

Zweiter Schritt: Digitales Bremsprüfgerät mit Steuerung via Smartphone

In der weiteren Entwicklung hat die WSG das Bremsprüfgerät mit einer Schnittstelle zu einer eigens dafür konzipierten App ausgestattet.
Das brachte den Vorteil mit sich, dass bestimmte pneumatische Sollwerte entsprechend des Wagentyps automatisch eingestellt werden können. Dadurch lassen sich Fehlerquellen reduzieren. Der größte Vorteil der App ist es, dass das Bremsprüfgerät ferngesteuert bedient werden kann. Die Daten müssen jedoch nach wie vor per Hand protokolliert werden.

Dritter Schritt: Erweiterung der App-Funktion zur automatischen Dokumentation und Auswertung

Die WSG plant, dass die erhobenen Daten über die App automatisch in die entsprechenden Protokolle übertragen werden. Am Ende soll das Protokoll vollständig und fehlerfrei ausgefüllt sein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Durch die exakte Dokumention lassen sich potentielle Entwicklungen am Güterwagen besser nachvollziehen. Außerdem kann die ECM den Wagen gegebenenfalls sofort freigeben. Denn als ECM hat die WSG ihr Kernziel niemals aus den Augen verloren: Eine hohe Verfügbarkeit der Wagen sicherzustellen.

Vierter Schritt: Digitales Bremsprüfgerät zur vollautomatischen Anwendung

Der letzte Schritt ist die Vervollkommnung all der Funktionen, die vorher beschrieben wurden. Keine Datenverarbeitung ist effizienter, als die vollautomatisierte: Das Bremsprüfgerät steuert selbstständig sämtliche Prüfschritte entsprechend der Prüfvorschriften. Es misst die erforderlichen Daten, vergleicht sie mit den Referenzdaten und wertet sie automatisch aus.

In Zukunft kann die direkte Kommunikation zwischen Bremsprüfgerät und den Telematikmodulen bzw. den Transpondern am Wagen die Datensicherheit noch weiter erhöhen.